Die Pandemie ist vorbei –
Die Corona-Pandemie gilt offiziell schon lange als beendet. Doch für viele Kinder und Jugendliche beginnt ihre eigentliche Krise erst jetzt. Angststörungen, Depressionen und Essstörungen gehen nicht zurück. Im Gegenteil, sie haben sich auf hohem Niveau verfestigt. Besonders Mädchen sind betroffen.
Lydia Roeber
Die Weltgesundheitsorganisation ( WHO) hat die COVID- 19-Pandemie offiziell nie für beendet erklärt. Im Mai 2023 gab es die Aufhebung des Public Health Emergency of International Concern, also der höchsten Alarmstufe, die die Organisation am 30. Januar 2020 für COVID-19 ausgerufen hatte.
Am 23. Juni 2023 veröffentlichte die WHO eine Mitteilung, in der es heißt: „Obwohl COVID-19 nicht mehr als gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite eingestuft wird, hat die Pandemie doch noch weltweit erhebliche gesundheitliche Auswirkungen.“ Gemeint war seitens der WHO das Coronavirus: Im vierten Jahr der Pandemie sei klar geworden, dass das Virus „uns wohl noch viele Jahre lang begleiten wird“, heißt es in der Mitteilung.
Doch es gibt einen weiteren anhaltenden Kollateralschaden der Pandemie. Neue Daten der DAK-Gesundheit zeigen, dass sich psychische Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen seit der Corona- Zeit nicht zurückgebildet haben. Besonders betroffen sind Mädchen im Alter von 15 bis 17 Jahren.
Grundlage ist der Kinder- und Jugendreport der DAK, der auf Abrechnungsdaten von rund 800.000 Versicherten und etwa 42 Millionen Behandlungsfällen zwischen 2019 und 2024 basiert. Analysiert wurden Angststörungen, Depressionen und Essstörungen.
Wenn Angst chronisch wird
Während 2019 noch 43,6 von 1.000 jugendlichen Mädchen wegen einer Angststörung behandelt wurden, stieg die Zahl bis 2021 sprunghaft auf 60,8. In den Folgejahren pendelte sie sich auf hohem Niveau ein: 65,7 im Jahr 2022, 65,8 im Jahr 2023 und 66,5 im Jahr 2024. Gegenüber dem Vorpandemiejahr entspricht das einem Anstieg von 53 Prozent.
Besonders alarmierend ist die Entwicklung chronischer Angststörungen. Chronisch bedeutet, dass die Betroffenen über mehrere Quartale hinweg durchgehend ambulant oder stationär behandelt werden müssen.
Im Jahr 2019 traf dies noch auf 8,1 von 1.000 Mädchen im Alter von 15 bis 17 Jahren zu. 2024 waren es bereits 16,6 – eine Verdopplung um 106 Prozent.
Mehrfacherkrankungen auf dem Vormarsch
Auch das Auftreten von Komorbiditäten, also ein gleichzeitiges Auftreten zweier psychischer Erkrankungen, hat sich bei jungen Patientinnen in fast gleichem Maße gesteigert. Die Zahl junger Mädchen, die parallel an einer Angststörung und an einer Depression litten, hat sich 2024 im Vergleich zu 2019 um rund 90 Prozent erhöht.
Die Daten zeigen: Die psychischen Belastungen vieler Jugendlicher sind kein vorübergehendes Phänomen. Sie sind Teil einer längerfristigen Entwicklung.
Erbe der Pandemie?
„Wir sehen eine langfristige Verfestigung psychischer Störungen bei Kindern und Jugendlichen“, kommentiert der Kinder- und Jugendpsychiater Christoph U. Correll von der Berliner Charité die DAKErgebnisse. Für ihn sind sie ein „Erbe der Pandemie“.
Fehlende soziale Kontakte während der Pandemie, verpasste Entwicklungsschritte und anhaltende Krisenbelastungen hätten vorwiegend bei Mädchen zu einem sogenannten internalisierenden Verhalten geführt: Rückzug, Grübeln, Angst, Selbstzweifel.
Correll weist zugleich auf die Rolle sozialer Medien hin. Mädchen seien besonders vulnerabel für Vergleichsprozesse, Körperbilder und idealisierte Darstellungen von Glück und Erfolg.
Jungen haben öfter riskante Mediennutzung
Auf den ersten Blick widerspricht das Ergebnis einer anderen DAK-Studie zum Medienkonsum. Demnach erfüllen aktuell häufiger Jungen die Kriterien einer riskanten oder krankhaften Mediennutzung. Entscheidend scheint jedoch nicht allein die Nutzungsdauer zu sein, sondern die Wirkung. Während Jungen soziale Medien häufiger exzessiv nutzen, reagieren Mädchen offenbar sensibler auf Inhalte, soziale Vergleiche und emotionale Bewertungen.
Mit 6 Prozent haben bei den Jungen laut der Untersuchung „Ohne Ende Online?“ doppelt so viele einen riskanten Mediengebrauch wie bei Mädchen mit 3,2 Prozent. Alarmierend ist die Gesamtzahl: Mittlerweile hat mehr als ein Viertel der Kinder und Jugendlichen im Alter von zehn bis 17 Jahren einen krankhaften oder riskanten Medienkonsum. Fast 5 Prozent von ihnen gelten als süchtig.
Eklatant ist hier ebenfalls der Anstieg seit der Corona-Zeit. Die DAK benennt in ihrem Umfrageergebnis einen Anstieg von 126 Prozent im Zeitraum von 2019 bis 2024. Vor der Corona-Pandemie zeigten nur 11,4 Prozent eine problematische Nutzung.
Aktuell verbringen laut „ Jugend-Digital studie 2024“ der Postbank Kinder und Jugendliche im Schnitt 157 Minuten pro Tag in sozialen Medien – eine halbe Stunde mehr als noch vor der Pandemie.
Dass aber nicht unbedingt die vermehrten Nutzungszeiten, sondern vielmehr auch die dabei konsumierten Themen eine Rolle spielen, legen die Anfang Dezember 2025 veröffentlichten Ergebnisse der COPSY-Studie des UKE Hamburg nahe.
Die neuen Ängste jenseits von Corona
Nach den Ergebnissen der achten Befragungswelle des langfristigen Gesundheitsmonitorings, das sich mit der psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen befasst, wurde die Corona-Krise in der Wahrnehmung längst durch weitere Krisen übertrumpft. Nur 8 Prozent der Befragten zeigten sich noch wegen der Folgen der Corona-Pandemie besorgt.
Dabei berichteten aber 22 Prozent der Kinder und Jugendlichen von einer geminderten Lebensqualität. Das sind etwa sieben Prozentpunkte mehr als vor Corona. 18 Prozent gaben an, sich einsam zu fühlen, vier Prozentpunkte mehr als noch vor der Pandemie (14 Prozent).
Klima, Kriege und andere Krisen
Vielmehr im Fokus der Sorgen und Ängste der Jugendlichen stehen laut COPSYStudie aktuell mit 70 Prozent Kriege. 62 Prozent der Heranwachsenden beschäftigt die Angst vor Terrorismus, 57 Prozent machen sich Sorgen wegen wirtschaftlicher Krisen, 56 Prozent sorgen sich um eine Spaltung der Gesellschaft, 51 Prozent wegen der Zuwanderung und 49 Prozent wegen des Klimas.
Besonders betroffen sind erneut Mädchen ab 14 Jahren. Innerhalb eines Jahres stieg der Anteil mit depressiven Symptomen von 11 auf 17 Prozent, bei Angstsymptomen von 20 auf 31 Prozent.
Ungleiche Startbedingungen
Die Studienmacher fordern eine Verbesserung der Medienkompetenz, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Zudem zeige sich, dass Kinder, die in stabilen sozialen Verhältnissen leben und in unterstützenden familiären Strukturen eingebettet sind, seltener von Angst- oder Depressionssymptomen berichteten.
Kinder hingegen aus bildungsfernen Haushalten, die in beengten Wohnverhältnissen lebten und deren Eltern psychisch belastet seien, hätten ein deutlich erhöhtes Risiko für psychische Beeinträchtigungen. Prof. Dr. Ulrike Ravens-Sieberer, Leiterin der COPSY- Studie, bestätigt: „Unsere Daten zeigen, dass diese Kinder häufiger Ängste, depressive Symptome und eine geringere Lebensqualität haben.“ Die Pandemie mag beendet sein. Ihre psychischen Folgen markieren jedoch erst den Anfang einer Entwicklung, die darüber entscheidet, wie belastbar eine ganze Generation in Zukunft sein wird.
Foto: doble-d/iStock

Die Pandemie mag beendet sein. Ihre psychischen Folgen markieren jedoch erst den Anfang einer Entwicklung, die darüber entscheidet, wie belastbar eine ganze Generation in Zukunft sein wird.